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29. August 2006
Reformen statt Atombombe
Von Moritz Küpper
Aller Staatsrhetorik zum Trotz wünscht sich ein Großteil der Iraner statt der Atombombe eher die Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Situation. Eine amerikanische Telefon-Umfrage in Iran zeigt aber auch, dass gut zwei Drittel der Bevölkerung Israels Existenz ablehnt.
Berlin - Während sich die Schlagzeilen weltweit mit dem iranischen Atomprogramm beschäftigen räumen 41 Prozent der Befragten wirtschaftlichen Reformen die oberste Priorität ein. Auf die Frage nach den wichtigsten Vorhaben in den nächsten Jahren nennen jedoch immerhin 27 Prozent die "Entwicklung eines Arsenal von Atomwaffen zur Verteidigung".
AFP
Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad: "Auswirkungen von 25 Jahren Isolation"
Dies ergab eine Umfrage des amerikanischen Meinungsforschungsinstituts Zogby International. In einer Telefonbefragung versuchte das Institut, die Meinung der iranischen Bevölkerung zu Themen wie Atom- und Wirtschaftspolitik, ihrer Einstellung zu anderen Ländern sowie zur gesellschaftlichen Entwicklung im Iran herauszufinden.
Die Ergebnisse der Umfrage zeigen, dass die iranische Gesellschaft eher gespalten ist: Während 23 Prozent mehr Bürgerfreiheiten als oberstes Regierungsziel nennen und 31 Prozent sich einen weltlicheren, liberaleren Iran wünschen, streben 36 Prozent einen stärker religiös geprägten, konservativen Staat an. Einigkeit gibt es jedoch bei der Einstellung gegenüber Israel: 67 Prozent der Befragten lehnen den jüdischen Staat ab, rund ein Fünftel zeigt sich neutral, während nur neun Prozent die Frage, ob Israel unrechtmäßig sei und nicht existieren sollte, verneinten.
Umfrage zeigt Auswirkungen der Isolation
Die Umfrage, die von Zogby International in der Zusammenarbeit mit der amerikanischen Zeitschrift Readers Digest zwischen Mai und Juni 2006 durchgeführt wurde, lässt auch Rückschlüsse auf das Selbstbild des Irans zu. So wünschen sich mehr als die Hälfte der Umfrage-Teilnehmer Iraner, dass ihr Land die Region "diplomatisch und militärisch" führen sollte - nur zwölf Prozent sagten, dass der Iran die Region nicht dominieren sollte.
Dabei erklärte sich auch eine Mehrheit der Befragten bereit, für die Entwicklung von Atombomben wirtschaftliche Nachteile in Kauf zu nehmen. Zudem meinten 25 Prozent, dass sie eventuelle Sanktionen durch die Vereinten Nationen auf die USA zurückführen würden.
Gerade beim Image der USA zeigt sich jedoch ein klarer Bruch zwischen den Generationen: "Die Umfrage zeigt die Auswirkungen von 25 Jahren Isolation", sagt John Zogby, Vorstandsvorsitzender von Zogby International, "die Einstellung junger Iraner gegenüber den USA hat sich während den Jahren der Isolation, konservativen und religiösen Führung sowie der Anti-US-Rhetortik herausgebildet." Diese Gruppe sei viel Amerika-kritischer als die ältere Generation.
"Vorbild für Werte und Freiheit"
Insgesamt bezeichneten 37 Prozent der Befragten Amerika als ein "Vorbild für Werte und Freiheit", während 46 Prozent Aussage zustimmten, dass die USA ein gefährliches Land sei, das auf Konfrontation aus sei.
Trotz der aktuellen Spannungen zwischen den beiden Ländern glauben rund zwei Drittel der Iraner nicht daran, dass sich zwischen beide Länder in den nächsten Jahren ein Krieg entwickeln wird.
Da das amerikanische Innenministerium US-Firmen nicht erlaubt, Umfragen innerhalb des Irans zu machen, musste Zogby International von außerhalb des Landes die Bevölkerung telefonisch erreichen. "Das führt dazu, dass vor allem die ländlichen Bewohner in der Umfrage eher unterrepräsentiert sind", sagt Richard Hilmer vom deutschen Meinungsforschungsinstitut Infratest-dimap zu SPIEGEL ONLINE. Bei der Umfrage würde eher die Oberschicht aus den Städten erreicht. Zudem ist die Telefondichte im Iran gering, auf 1000 Menschen kommen 219 Anschlüsse. Zum Vergleich: In Deutschland gibt es 661 Telefonanschlüsse pro 1000 Menschen.
Umfrage lässt Trends erkennen
Insgesamt 810 Iraner nahmen an der Befragung teil. "Für einen Zeitraum von rund zwei Wochen ist das keine besonders große Zahl", stellt Hilmer fest. Wahrscheinlich war es auch schwierig, die Iraner davon zu überzeugen, an einer amerikanischen Umfrage teilzunehmen, vermutet der Experte. Dennoch lassen sich aus der Umfrage nach der Einschätzung von Hilmer Trends erkennen: "Zogby ist das Institut, das auf diesem Gebiet am meisten Erfahrung hat", sagt Hilmer, "und diese Art von Umfrage ist die einzige Methode zu einer Trenderhebung."
Bereits zu Zeiten des kalten Krieges haben Meinungsforschungsinstitute versucht, Stimmungsbilder anhand von Telefoninterviews oder Befragung von Reisenden aus diesen Ländern zu bekommen. "Damalige Erhebungen haben später gezeigt, dass man exakte Prozentzahlen nicht überbewerten sollte", sagt Hilmer, "aber es hat sich auch gezeigt, dass sich Trends erkennen ließen." spiegel 29.08.2006
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