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Foucaults Iran-Erlebnisse und -Geschichte kennen Sie natürlich. Weitaus weniger bekannt ist, dass er nach seiner endgültigen Rückkehr nach Frankreich von Iranern nichts mehr wissen wollte,dass er jede Verbindung zu den Iranern abgebrochen hat, die ihm in Teheran Kontakte mit den Führern der Revolution ermöglicht hatten, seine Ratgeber dabei waren und bei denen er während seiner zweimaligen Aufenthalte als Gast gewohnt hat.Anders als er, kamen Sie beeindruckt von Ihrer Iran-Reise zurück. Die selbstbewussten und aufgeschlossenen jungen Menschen, vor allem Studenten und Intellektuelle, haben durch ihre Offenheit und ihr Interesse, alle möglichen Themen mit Ihnen zu diskutieren, Sie recht überrascht. Sogar „das Existenzrecht Israels“ gehörte, wie Sie hervorhoben, zu den Gesprächsthemen, die Sie mit ihnen behandelt haben. Das alles ist für mich als Iraner ohne weiteres vorstellbar, da wir das Talent besitzen, unser Gegenüber zu beeindrucken, sei es mit geschmeicheltem Verständnis oder vorgetäuschter Selbstsicherheit eines unerschrockenen Gegners. Davon abgesehen sind fanatische Einstellungen der iranischen Gesellschaft vom Mittelstand aufwärts untypisch .

Nun sollten die Situation und die dazugehörigen Faktoren auch mit berücksichtigt werden.Es war damals Mitte der zweiten Wiederwahlperiode des Präsidenten Khatami. Das kann auch an Ihnen nicht vorbeigegangen sein. „Seit den ersten Kontakten“ vergingen schon „sieben Jahre“ schrieben Sie, bis „iranische Kollegen Sie überzeugt“ hätten, dass Sie bei „Ihren Gastgebern an der richtigen Adresse“ seien. In diesem Zusammenhang fallen auch löblich die Namen von Khatami und seinem Ex-Kulturminister. Die Euphorie der Bevölkerung für Khatami hielt zurzeit Ihrer Reise noch immer an, trotz brutaler Morde an den Oppositionellen und den verübten Verbrechen an wehrlosen Studenten, die nachts im Schlaf den tödlichen Angriffen erliegen mussten. Dies geschah auf dem Universitätscampus. Von dem „Erlöser“ Khatami wurden die toten und geschändeten Studenten gar als Mob und Gesindel inkriminiert. Besonders bei uns galten und gelten Studenten doch als höchste Risiko- und Unsicherheitsfaktoren. Die „eigentliche Aufgabe“ von Khatami bestand jedoch darin, den „Dialog der Zivilisationen“ in Gang zu setzen. Er hat sich sogar zugetraut, dem Namen nach dafür einen Atrappenmotor ins Leben zu rufen und ihn sogleich auf Leerlauf zu schalten. Und wer sollte als Fahrer die dialogischen Kulturgüter transzivilatorisch befördern? Sein Kulturminister Abdollah Mohadscherani? Meine Schreibweise klingt doch polemisch. Sie ist es auch. Weil die gesamte Intellektuellengemeinschaft von uns Iranern einer solchen Aufgabe wohl nicht gewachsen sein kann. Es sei denn, man verstünde unter Dialog „Übersetzungen“ aus den europäischamerikanischen Büchern. Khatamis kulturdialogisches Don Quichotenprojekt war längst als Embryo schon tot, bevor es zu einer Fehlgeburt hätte kommen können. Es würde nichts daran ändern, auch wenn gute Absicht dahinter steckte. Was hatte er sich unter einer solch
„großartigen“ Aufgabe vorgestellt? Eine kulturelle wie politische Hintergrundanalyse der Präsidentschaft von Khatami würde wohl nicht hierhin gehören. Eins möchte ich hier gleich anmerken: Für einen Philosophen von Weltrang wie Sie hat sich die geistige Eliteder Hauptstadt gewiss gut in Szene gesetzt. „Unsere Elite“ hat seit etwa fünfzig Jahren ihre besondere Schwäche für Philosophie entdeckt und sie weiter vorangetrieben , weil die Philosophie, wie ich meine, eine unkontrollierbare und ungesicherte Domäne zu sein scheint,wenn sie nicht kulturell auf solidem Boden steht. Schon Kant hat diese prekäre Lage bzw.unentschuldbare Schwäche beklagt und das für Deutschland. Der einfachste Weg, sich philosophische Kompetenz zu verschaffen, besteht bei uns darin, jede Ecke und Lücke in eigener Wissensvermittlung in Wort oder Schrift mit Namen von Philosophen zu stopfen.
Wirkungsvolles Resultat erzielt man dadurch, dass man von modernen Philosophen spricht oder schreibt bzw. von den Namen deren Schulen. Clevere unter ihnen gehen dabei auch leichtherzig mit Begriffs- und Theorien-Namen um.
Ihre Reise nach Teheran hatte zwei Aspekte, einen iranischen und einen deutschen. Bei dem iranischen geht es um Eindrücke und Spuren, die Sie bei Ihren Gastgebern
hinterlassen haben. Kurz gefasst lässt sich das etwa so charakterisieren: Ein weltbekannter Philosoph aus dem „Land der Philosophen“ kommt nach Teheran zwecks Bekanntschaft mit der dortigen geistigen Welt. Das hebt das Bewusstsein der Elite und spricht für ihren Wert. Wie verschieden auch die Reaktionen Ihres Publikums sein mögen, gemeinsam und hintergründig ist allen, dass man im eigenen Land mit einem Habermas zusammengekommen ist: Man sei also jemand, wie man sich schon immer gedacht hat, was aber nunmehr zum festen Bestand des „Wissens“ gehört, gesteht man sich unausgesprochen freilich zufrieden ein.Hier interessiert der zweite, also der deutsche Aspekt, nämlich das Bild, das Sie von der Teheraner
Geistigkeit für die Deutschen entworfen haben. An dieser Stelle möchte ich zunächst einige Linien des einst von Ihnen skizzierten Bildes für die Deutschen kurz nachzeichnen, um es auf diese Weise etwas augenfällig zu machen.
Die Grundeinstellung Ihrer Gastgeber zur westlichen Kultur bringen Sie mit folgendem Satz unmissverständlich zum Ausdruck. Der Satz ist in seinem Sinn und Ton ironisch provozierend und inhaltlich zentral: „Wenn man mit kleinem geistigen Gepäck von Westen nach Osten reist, tritt man in die übliche Asymmetrie der Verständigungsverhältnisse, die für uns die Rolle der Barbaren bereit halten: Sie wissen mehr über uns als wir über Sie.“ Diese eindeutige Beurteilung ist wegen ihrer allgemeinen Intention im Prinzip vor allem für wiederislamisierte Iraner zutreffend und müsste daher als bestimmend für den Rest des Porträts gelten. Was folgt
scheint jedoch mit dieser Beurteilung nicht ganz übereinzustimmen. Denn die weiteren Ausführungen entbehren im Grunde, mit Ausnahme eines nur einmal verwendeten Adjektives, welches allerdings den Wert jener Grundaussage über die iranische Elite auf den Kopf stellt, jeder Ironie: Ernsthaft wird von der Debatte zwischen einem Heideggerianer der späten Zeit, namens Davari Ardekani und einem Popperianer, namens Abdolkarim Soroush, der gleichzeitig ein
mystischer Moslem sei, gesprochen. Der Heideggerianer gehöre zu den Postmodernisten, die vom „Wesen der Technik“ ausgehend ihre „einheimische Kritik an der westlichen Moderne“ ausüben. Also, die ganze Ernsthaftigkeit, mit der hier von zwei gegenläufigen philosophischen Strömungen unter Berufung auf ihre iranischen Hauptvertreter gesprochen wird, verpufft auf
einmal, als im Resultat eine „einheimische Kritik“ an dem Westen herauskommt. Das ist vielleicht nur ein Moment, aber bedeutungsmäßig doch ein sehr durchdringender. Wie würde die Antwort lauten, wenn hier gefragt worden wäre: Warum denken Sie, dass die Angehörigen einer gänzlich andersartigen Kultur wie die der islam-iranischen, welche mit Haut und Haar ein über tausend Jahre eigenes geistiges wie materielles Erbe in sich trägt, aus dem Stand heraus mitten in die okzidentale Kultur hinein springen und sich leichtfüßig überall bewegen können, als würden sie aus der griechisch-römischen Kultur stammen und tüchtig deren Früchte in sich aufnehmen, ohne sie verdauen zu können? Oder ist das geistige Erbe Ihrer Kultur, zu dem Philosophie mitgehört, leicht zugänglich für fremde Kulturen, bloß weil ihr Reiz
überwältigend wirkt und an vielen Orten der Welt zu erkennen ist? Worin bestünde überhaupt dieser Reiz, und warum werden auch „wissenschaftlich“ Iraner davon erfasst?
Wenn Worte Bedeutung haben sollten, dann lässt sich die folgende Frage nicht unterdrücken: Darf ein mystischer Moslem als Popperianer bezeichnet werden, der als solcher Ihrer Meinung nach „entschieden eine kognitive Arbeitsteilung zwischen Religion und Wissenschaft“ vertrete?
Vielleicht sollten Sie wissen, dass die iranische Mystik der Todfeind der Philosophie und damit auch der Wissenschaft ist. Soroush ist bei einem der einflussreichsten iranischen Mystiker, Rumi, 6 in die Schule gegangen. Es gibt kaum einen Artikel bzw. eine Rede von ihm, die nicht von mystischen Gedichten durchsetzt ist. Die Mystik hat mit ihrer Verklärungsstrategie und ihren Entzückungstechniken die Wissenschaft und Philosophie endgültig getötet und begraben. Selbst der Philosoph Avicenna schätzte die mystische Eingebung höher als die philosophische Einsicht. Und weiter: Kann einer als Heideggerianer gelten und dazu noch als Postmodernist, der vom „Wesen der Technik“ ausgehend „einheimische Kritik an der westlichen
Moderne ausübt!“, nur weil er sich auf Heidegger beruft? Wird hier Heidegger lächerlich gemacht oder die Moderne oder der Späte-Heideggerianer Davari Ardekani?
Fünfzig Jahre hat es gedauert bis die iranische Gesellschaft durch den Schah, der auch
unheilvolle Fehler begangen hat, und seinen Vater, den Gründer des Neuen Iran, an die Zivilisation herangeführt worden war. Dieses Erbe hat die islamische Regierung innerhalb von dreißig Jahren in jeder Hinsicht zugrunde gerichtet: wirtschaftlich, verwaltungsmässig, kulturell, rechtlich und moralisch. Davari Ardekani, einst ein Duz-Kollege von mir, der sich von Anfang an dem islamischen Regime zur Verfügung gestellt und hochgearbeitet hat, wurde mit der Zeit zur Leitfigur
der offiziellen Philosophie und später u.a., wie Sie damals berichtet hatten, auch „Präsident der Wissenschaftlichen Akademie“. Sein späterer Kontrahent, der zu den Hauptverantwortlichen der dreijährigen Schließung aller Universitäten in Iran gehörte, hat sich als mystischer Moslem mit der Zeit zum „Popperianer“ entwickelt, mit der Position einer „Arbeitsteilung zwischen Religion und Wissenschaft“, wie Sie sie darstellten. Wahr ist dennoch, dass wir keine Wissenschaft haben,weder Natur- noch Geisteswissenschaft. Alle unsere universitären Lehrbücher sind im Grunde

Übersetzungen aus entsprechenden westlichen Quellen. Wir schreiben und sagen praktisch nur nach, was wir uns aus dem Westen herbeiholen. Wäre es nicht so, sähe die „wissenschaftliche Lage“ bei uns noch schlimmer aus. Unsere „Wissenschaft“ ist zwar eine Kopie, das Original würde natürlich dadurch nicht entstehen, wenn die Kopie nicht mehr sein würde. Vor einiger Zeit hat Khamnei die Geisteswissenschaft als Quelle allen Übels verdammt und nahe gelegt, man sole sie aus den Universitäten vertreiben. Die Nachricht verursachte sofort Angst und Panik im ganzen Land.
Muten Sie nach all den Jahren, die seit Ihrem Besuch in Teheran vergangen sind, Karl Popper,der sich für die Religion nicht interessierte, aber auch nicht gegen sie war, immer noch einen mystischen Erbe aus dem islamischen Iran zu? Dieses Land, das einen Popperianer mystischer Abkunft hervorgebracht hat, erlebt eine der dunkelsten Perioden seines geschichtlichen Daseins.Das Grausamste und Verhängnisvollste dabei ist, dass das iranische Volk sein beschämendes Schicksal selbst verschuldet hat.
Ich versuche, das Wesentliche Ihrer Erfahrungen in Iran wie folgt zusammenzufassen: Sie waren überrascht, dass Sie sich nicht mit einer „verstummten Gesellschaft“ konfrontiert sahen,die Intellektuellen wie die Bürger machten einen „selbstbewussten und uneingeschüchterten“Eindruck. Kaum zu überschätzen fanden Sie die „politische Bedeutung der theologischen Auseinandersetzungen innerhalb des Islams“. Exemplarisch erwähnen Sie den „prominenten Geistlichen Modschtahed Shabestari, der in der hermeneutischen Tradition“ steht und der den „einzelnen Gläubigen als Interpret der Offenbarung“ betrachtet. Von gleichem Rang sei auch der „westlich orientierte Philosoph Soroush“. Shabestari, so erklären Sie weiter, argumentiere
„protestantisch gegen herrschende Orthodoxie“. Sie gaben damit das wieder, was seit zwei Jahrzehnten zum Schlagwort der Reformer geworden ist. Ein alles beim Wort nehmender deutscher Leser würde sich nicht des Eindrucks erwehren können, der Protestantismus müsse wohl der Zauberstab gegen jede religiös verschlossene Tür sein, selbst bei dem Schiitentum, das seit tausend Jahren immer noch auf den zwölften Imam wartet, um à la Damokles alle Knoten der bösen Welt auf einmal durchzuschlagen. Er unterstreiche die „moderne Subjektivität als Ort der religiösen Innerlichkeit“. Er spreche fließend Deutsch, nehme sich vor, aufgrund seines Verständnisses von der „dialektischen Beziehung zwischen Glauben und Wissen“
der islamischen Theologie Humanwissenschaften zugänglich zu machen. Damit hatte er, wenn Sie es wissen möchten, einige Jahre nach dem Revolutionsausbruch, als seine Schwärmerei für die allzu krude Auferstehung des Islam abgeklungen war, begonnen und ist bis heute dabei geblieben. Wenn das nun alles ist, was schon vor Jahren im Iran geschah, dann hat dieses Land jetzt die Höhe seiner Kulturgeschichte bereits erklommen! Denn nicht in der Amtszeit von Ahmadinejad wurde Iran in Grund und Boden zerstört, sondern längst vor seiner Zeit.Was Ihnen damals in Teheran repräsentiert wurde, ist nichts anderes gewesen als die Gaukelei der iranischen Intelligenz islamischer Art. Intellektuellen Scharlatanismus kennen Sie sicherlich nicht. Ihn gibt es nämlich nicht in der westlichen Kultur, und wenn, dann nur als bedeutungs- und harmlose Randerscheinung im Privaten. Eine Öffentlichkeit dafür existiert hier 9nicht. Bei uns verhält es sich umgekehrt. Nur am Rande und äußerst selten gibt es ernsthaftes Denken. Dass Sie dem Schwindel islam-iranischer Reflexion zum Opfer gefallen sind, wäre,wie ich mir vorstelle, einfach ganz normal, weil Sie unsere Kultur nur äußerlich kennen. Dazu kommt eben aus diesem Verständnis die Einstellung, dass Sie eine ideale Situation des Diskurs bei Ihren Gastgebern voraussetzen mussten. Träfe das nicht zu, dann hätten Sie bewusst eine geistige Inszenierung aus Teheran hier projiziert. Oder Sie bleiben die Erklärung schuldig, wie Sie soviel wesentlich Bedeutungsvolles von einem Land in Erfahrung gebracht hatten, dessen Sprache Ihnen völlig fremd ist, und ebenso auch die Macht seines islamischen Erbes. Um Ihnen eine Kostprobe von dem zu geben, was bei uns Denken – zumal hermeneutisches -heisst , wäre ich gar bereit, einen Teil eines Interviews mit Modschtahad Shabestari für Sie ins Deutsche zu übersetzen, in dem er verschiedene Koranverse „hermeneutisch“ zu interpretieren
versucht. Alles, was er gesagt hat, ist wohl eine hermeneutische Karikatur, was er am nächsten Tag jedoch widerrief.Ihr Interesse für religiöse Sichtweise und Handlung zeigt sich darin, dass Sie durchweg Leute aus diesem Lager Ihren deutschen Lesern vorstellten. Warum diese Wahl? Wenn Sie aber niemandem von Bedeutung aus nichtreligiösem Lager begegnet sind, hieße das dann nicht,dass unsere Elite dominierend aus Gläubigen bestünde? Das alles war ja vor acht Jahren und die
Frage wäre berechtigt, weshalb ich diesen Brief nicht schon damals bereits an Sie geschrieben habe. Die Antwort wäre die: Als ich seinerzeit von Ihrer Reise hörte und später erfuhr,10 dass erst Richard Rorty und dann auch Ottfried Höffe Ihnen nach Teheran folgten und ähnliche Eindrücke rüber brachten, war ich zu empört, um mich auf eine Position Ihnen gegenüber konzentrieren zu können. Ihre Reise und die dazugehörigen Berichte, muss ich unterstreichend gestehen, ergaben für mich keinen Sinn. Es war ja auch zurzeit Khatamis Präsidentschaft, den ich schon vor seiner Wahl, die er mit mehr als 24 Mio Stimmen gewonnen hatte, für einen politischen Ablöser mit verheerenden Folgen hielt. Mit Recht, wie sich danach herausstellte. Würden Sie sagen, ein Brief mit gleichem Inhalt an Ihre Adresse hätte Sie nachdenklich machen können und vielleicht dazu gebracht, Ihre Einschätzungen zu überdenken? Ich glaube es nicht, da auch Sie in Khatami den „Retter“ erahnten. Acht Jahre danach haben sich zwei Begebenheiten von ungleicher Bedeutung, jedoch in einem bestimmten Sinn assoziativ miteinander verknüpft, ereignet. Die erste drang mir erst ins volle Bewusstsein als die zweite geschah. Die erste ereignete sich im letzten Jahr. Ich meine den „friedlichen Aufstand“ von Millionen junger Menschen in ganz Iran, Studenten, Arbeiter und Angestellte,der drei Monate lang anhielt, bis ihn die Regierung vor den Augen der Weltöffentlichkeit mit unfassbarer brutaler Gewalt niederschlug. Unzählige junge Menschen landeten in Gefängnissen,wurden zu Tode gefoltert, erschossen, Frauen wie Männer vergewaltigt. Sie, Herr Professor Habermas haben geschwiegen. Waren diese jungen Menschen mit ihrer schlichten und legitimen Forderung, sichere Arbeitsplätze zu haben, auf ihre Löhne und Gehälter nicht
monatelang warten zu müssen, in Freiheit leben zu wollen, ohne Bevormundung jeglicher Art ihre Lebensweisen zu bestimmen, ihre Wünsche zu verwirklichen, ihre Bekleidung nach ihrem Geschmack zu tragen usw. nicht wichtiger als all die Elite, mit denen Sie in Teheran philosophische und soziologische Gespräche geführt haben, mit Typen wie Mahadscherani,Kachivar , Soroush, Davari, Shabestari und dergleichen mehr? Hätten Sie jene in ihren Protesten für ihre Anliegen öffentlich unterstützt, hätten Sie damit ihren allzu natürlichen Forderungen Geltung und Anerkennung entgegengebracht und sie in ihrer Courage und Festigkeit bestätigt und bewundert, würden sich die Protestierenden mit Ihrem moralischen Beistand etwas weniger allein fühlen, zumindest ein relativ großer Teil von ihnen, und dieses Wenige wäre doch Viel gewesen, da möglicherweise einige philosophische Kollegen Ihnen gefolgt wären. Und vielleicht sollten Sie auch wissen, dass die sogenannte Unterstützung der Demonstrationen durch Soroush & Co. nichts als eine Masche zur eigenen Rettung war und bleiben wird: Die Proteste sollten gesellschaftlich wie staatlich eigentlich nicht die islamische Macht schwächen, sondern eine Machtverlagerung zu Gunsten der Reformer im islamisch regierten Staat herbeiführen. Damit würde der Islam für ihn und seine Gesinnungsgenossen erhalten bleiben. Das war und ist mindestens der Traum der Reformer. In einem islamfreien Staat und dessen Gesellschaft würden die Reformer allein wegen ihrer Machenschaften und noch immer öffentlich unaufgedeckter Tätigkeiten im islamischen Staat zur Rechenschaft gezogen. Helden wie Soroush,Shabestari , Davari und dergleichen können nur dort sicher auftreten, wo ernsthafte Herausforderung ausbleibt. Und nun zur zweiten Begebenheit, bei der Sie sich besorgt verhielten, obwohl es sich weder um etwas Dramatisches noch Dringliches handelte, im Gegensatz zu der ersteren, die als Hilferuf in blanker Not verstanden werden musste. Es geht hier um die Belange der Religion. Dieses, Ihr Anliegen, haben Sie kürzlich in Ihrem Vortrag anlässlich eines Philosophentreffens in der New Yorker Cooper University angesprochen. Hauptthema war die „ungerechte“ Freiheitseinengung der Religion in der westlichen Welt! Aus Ihrem Vortrag kenne ich nur Auszüge in der deutschen Übersetzung. Textmässig ist es ja nicht viel, spiegelt jedoch ganz klar Ihre Position wieder, die auch von anderen Mitrednern geteilt wird. Wenn Sie sonst Carl Schmitt erwähnen, dann nur in kritischer Zielsetzung, neben Heidegger, Straus, Gehlen, aber auch in Zusammenhang mit Nietzsche und Marquis de Sade, die Sie in der Regel als „schwarze Schriftsteller“ bezeichnen. Hier aber erheben Sie seine These von der „politischen Theologie“ im Sinne einer geschichtlichen Vererbung der theologischen Grundbegriffe an die säkularisierte moderne Staatslehre und Gesellschaft, als Garant für die Lebendigkeit des neuen religiösen Pathos. Lässt sich dadurch das Phönomen erklären? Der Leser gewinnt dabei den Eindruck, dass die These von Carl Schmitt zutrifft und tiefgründig das gegenwärtige Aufblühen der Religion erklärt oder umgekehrt die neue religiöse „Leidenschaft“ die Richtigkeit der These nachweislich belegt. Wenn das nicht der Fall ist, dann fragt sich, warum der Hinweis auf Carl Schmitt erforderlich wäre, um das wiederaufgetauchte Phänomen der Religion zu ergründen. Für die neue Erweckung der Religion führen Sie als Beispiel George W. Bush an, der seine politische Autorität als gottgegeben wähnte.
Wie viele George W. Bushs hatte Amerika seit seinem Bestehen, dass der genannte Präsident für diesen oder jenen Fall relevant sein könnte?
Den Westen innerhalb der Weltgesellschaft zu „einer einseitigen Einhaltung und Fortsetzung demokratisch-freiheitlichen Wertanwendungsprozesses“ ermahnend, werfen Sie ihm Verstöße im gesellschaftlichen Verkehr vor, welche die Andersgläubigen in der Ausübung ihrer 13 politischen Handlungen hemmen oder gar hindern. Ist der neue Aufschwung des religiösen Pathos nicht gerade frei von jeder richtungsweisenden Intentionalität, die monotheistischen Religionen für sich und nur für sich allein, d.h. gegeneinander, beanspruchen? Es sind genau nur Christentum und Islam, die diesen Anspruch jeweils für sich und gegeneinander geltend machen. Dabei ist aus vielen Gründen das Christentum relativ harmlos und gar von Nutzen, was man vom Islam nicht behaupten kann. Von einer kleinen Anzahl „Selbstsuchern“ abgesehen, bekehrt sich wohl kaum jemand im Westen zum Islam. Diese Erkenntnis wäre jedoch eine Verharmlosung des Problems Islam. Andererseits ist uns allen bekannt, dass den christlichen Kirchen Tausende jährlich weglaufen, und der fehlende Nachwuchs der Kirche große Sorgen bereitet. Bleibt all das bei Ihnen unberücksichtigt, weil diese Fakten ihrer These vom religiösen Aufschwung bzw.
Renaissance, die berechtigt einen wohlwollenden Schutz verlangt, entgegenwirken würden?
Wenn nicht, wie lassen sich diese Entgegensetzungen erklären? Sie fragen nicht einmal nach den Ursachen dieser Religionskonjunktur, sondern setzen sie als Fakt voraus. Ich will hier nur einen Blick auf einen Ursachenkomplex des Phänomens in einer bestimmten Periode der Vergangenheit werfen. Als die Sowjetunion in die osteuropäischen Länder einfiel, schlug die Stunde für die katholische Kirche. Westliche Unterstützung psychologischer, politischer, strategischer wie auch
wirtschaftlicher Art, ließ nicht lange auf sich warten. Mit Hilfe der Politik und der Medien wurde die Religion wieder salonfähig gemacht. Langsam aber sicher gewann diese wieder an Macht und Weltpräsenz. Irgendwann später begann die Wohlstandsgesellschaft in Westeuropa Risse an sich zu fühlen. Manche erfahrene Fachleute haben die heranrückende Katastrophe erkannt und davor gewarnt und das so häufig, dass schließlich alles im Sande des Alltagslebens verlief. Als sich die Wohlstands-Katastrophe mitten in uns ohne einen Knallefekt ausweitete,waren die Menschen nicht einmal überrascht. Erst war die Arbeiterklasse davon getroffen,dann der Mittelstand. Und irgendwann hat man entdeckt, dass drei Millionen Kinder unter der Armutsgrenze leben, hier in der Bundesrepublik Deutschland. Dass die verheerenden Auswirkungen der Katastrophe immer mehr existenzbedrohende Dimensionen annehmen, gehört seit einigen Jahren schon zum festen und erdrückenden Grundbestand alltäglicher Erfahrung der breiten Masse der Bevölkerung, die am Zukunftshorizont alle nur vorstellbaren Gefahren auf sich zukommen sieht. Die heutige Situation lässt sicherlich noch Schlimmeres erahnen.
Es bedarf keiner weiteren Erläuterung, um in dem geschilderten Prozess die
Hauptursache der neuen „Religiösität“ zu erblicken, mit der sich die Kirchenflucht vereinbaren lässt. Das religiöse Phänomen, das Sie ansprachen, ist auf gar keinen Fall auffindbar. Man kann jedoch versuchen, durch Eliminationsverfahren, das von Ihnen Gemeinte herauszustellen.
Sie meinen sicherlich weder Hinduismus, noch Shintu, noch Budhismus, Tao usw.. Es bleiben nur noch Christentum und Islam, und wenn Sie gerechte Freiheit fordern, dann nicht für Christen und Okzident, sondern für den Islam in Europa und Amerika. Das ist der Brennpunkt dafür,dass die Musleme, so verstehe ich Sie jedenfalls, zu ihrem völligen Recht verholfen warden soll. Sie entdecken folgendes Verhältnis als Paradox im Leben der modernen Staaten:„Man erlaubt den Menschen“, also Muslemen, „die Ausübung ihrer Religion, aber ihre Beiträge im politischen Prozess müssen frei von religiösen Inhalten“ sein. Also, Sie treten dafür ein, dass die politischen Beiträge der Musleme mit ihren religiösen Inhalten aufgefüllt werden sollen, denn wo und wann wollten die Christen im Westen ihre politischen Aktivitäten mit religiösen Inhalten verknüpfen?
Also, warum die Ausübung politischer Prozesse nicht von religiösen Inhalten frei sein sollte,oder warum umgekehrt die gemeinten Prozesse mit religiösen Inhalten bestückt sein müssen, steht für Sie gar nicht zur Debatte. Dazu scheint die Notwendigkeit als gegeben zu gelten.
Dass dies für Sie der Fall ist, geht aus Ihrem Konzept zu dem Problemkomplex hervor.Am Ende muss doch die Aufklärung dieses Soll-Gebot erfüllen, damit sie in Zusammenarbeit mit der Religion die „Erhaltung des normativen Inhalts der Moderne“ herbeiführen könnte.Einer solchen Bereitschaft der Aufklärung, ihre Forderungen mit Rücksichtnahme auf religiöse Mythen und Vorstellungen hin auszugleichen, sollten, freilich wie Sie anregen,„inspirierende Beiträge“ aus der religiösen Community“ entgegenkommen. Man muss nun danach suchen, wo und wann dergleichen seitens der Religion geschehen ist. Es wäre naiv, zu glauben,dass je ein inspirierender Beitrag aus der religiösen Gemeinschaft kommen würde. Die Aufklärung will nicht die Religion aus dem menschlichen Zusammenleben vertreiben, solange sie sich in ihrem privaten Bereich hält. Das Recht zum Leben würde die Religion der Aufklärung nicht zugestehen, wenn sie dazu in der Lage wäre. Das noch immer in einigen nordamerikanischen Staaten Darwins Theorie nicht unterrichtet werden darf, ist ein unwiderlegbarer Beweis dafür. Sie warnenausdrücklich davor, die Religion als eine Art „Atavismus“ zu betrachten. Ob man es tut oder nicht, sie ist als Kulturgebilde darin einmalig und einzigartig: Sie wird immer die lebenswidrigsten Bedingungen und Verhältnisse am Ende besiegen. Jedes Unternehmen, politische Prozesse mit religiösen Inhalten zu versehen, was auch unausgesprochen vom Islam erwartet bzw. nötigenfalls erzwungen wird, führt unweigerlich, wie die Erfahrung lehrt, zur Übermacht der Religion. Kann Iran als Beispiel hierfür übersehen werden?

Der Stern Nr. 28 v. 08.07.2010 stellt das dar, was passiert, wenn sich die Religion der Politik bemächtigt. Die Peitschenhiebe für die Frau durch einen maskierten Mann in Kairo zeigt eine derartige Durchdringung von Politik und Religion.
Mit freundlichen Grüßen
A. Dustdar

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letzte Änderungen: 23.12.2015 9:18